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Filoxenia

Die Geschichte von Filoxenia

Zeus und Hermes kamen, verkleidet als arme Reisende, in ein kleines Dorf und suchten nach einer Bleibe für die Nacht. Alle vertrieben sie in harschem Ton, nur ein armes, älteres Paar nicht – Baucis und Philemon.  Nachdem sie den beiden Fremden großzügig Speisen und Getränke angeboten hatten, bemerkte Baucis, dass die Weinkaraffe immer noch voll war, obwohl sie den beiden Fremden immer wieder nachgeschenkt hatte. Als ihr bewusst wurde, dass die beiden Fremden eigentlich Götter waren, erbot sich Philemon, die einzige Gans, die sie hatten, zu schlachten  und sie gemeinsam zu verzehren. Um ihnen ihre Freundlichkeit zu vergelten, verwandelte Zeus die ärmliche Hütte in einen prächtigen Marmortempel und erfüllte ihnen ihren größten Wunsch:  Wächter über den Tempel zu sein, am selben Tag zu sterben und ewig zusammen zu leben, nachdem sie in Bäume verwandelt waren – einer zu jeder Seite des Tempeltors.

Baucis und Philemon werden im Gedicht von Ovid „Metamorphosen“ thematisiert. Sie verkörpern eine der heiligsten Institutionen der alten Griechen – Filoxenia, was bedeutet, Fremde in seinem Haus willkommen zu heißen und zu bewirten. Dieses heilige Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast stand unter Zeus'  Schutz und wurde „Xénia“ und später Filoxenia genannt.

Die Bedeutung von Filoxenia – Ursprung des Wortes

Das Wort Gastfreundschaft, die offizielle deutsche Übersetzung von Filoxenia, gibt den Sinn nicht gänzlich wieder, denn er schließt nicht das Hauptelement des Wortes ein, den Großmut des Geistes. Die griechische Bezeichnung „Xénos“ bedeutete ursprünglich „Gast“ und nahm später die Bedeutung des „Ausländers/Fremden“ an. Es wird auch vermutet, dass die Bezeichnung „Fílos“, was heute „vertraute Person“ bedeutet, in Wahrheit seine Bedeutung durch die Gastfreundschaft erhielt, während das Verb „filó“ (küssen) ursprünglich die Bedeutung von „plantonisch lieben“ hatte. Folglich könnte man argumentieren, dass das Wort „Filoxenia“ mehr als nur der Ausdruck von „Liebe/Freundschaft gegenüber Fremden“ ist. Sicher ist jedoch, dass es zum Charakter und zur Kultur Zyperns gehört, worauf wir stolz sind.

Zypern und Filoxenia

Zypern ist dem Meer entstiegen, als die tektonischen Platten Afrikas und Eurasiens aufeinandertrafen, wie zwei Fremde, die zusammenkommen und eine besondere Beziehung zueinander entwickeln. Diese Insel, die sich am Kreuzweg dreier Kontinente befindet, war eine Brücke, die Nationen und Kulturen miteinander verband. Diese Tatsache war wiederum die Grundlage für die Entwicklung seiner Geschichte und Kultur. Zyperns Geschichte ist eine Geschichte von Kriegen und Eroberungen, aber letztlich auch ein Schmelztiegel der Kulturen. Von  neolithischen Siedlungen, hellenistischen Tempeln,  römischen Villen mit Mosaiken,  altchristlichen Basiliken, byzantinischen Kirchen und Klöstern und mittelalterlichen Burgen der Templer bis hin zu blühenden Gärten in malerischen Dörfern,  Flughäfen, Häfen,  Hotels, Krankenhäusern und  Universitäten besteht Zypern aus Orten den Begegnung und Wegen, auf denen Menschen und Ideen zusammentreffen.

Filoxenia, das Bedürfnis, sich um seine Gäste zu kümmern, erklärt auch, warum wir niemals aufgehört haben, nach alternativen Formen des Tourismus zu suchen, vom Kongress- und Geschäftstourismus, bis zum Sport-, Abenteuer- und Agrotourismus, ohne den traditionellen Erholungsurlaub und den Hochzeitstourismus zu vernachlässigen und so der Göttin der Schönheit, Aphrodite, unsere Ehre zu erweisen, die der Legende nach in Zypern geboren wurde.

Doch Filoxenia endet nicht hier. Filoxenia ist viel mehr als nur Sandstrände und dichte Zedern- und Kiefernwälder in einem wunderbaren mediterranen Klima, in dem man die zauberhafte Landschaft genießen kann. Dank der ausgezeichneten Infrastruktur, der qualifizierten Arbeitskräfte, einer stabilen Wirtschaft und eines unternehmensfreundlichen Steuersystems heißt Zypern auch Investoren, Schifffahrtsunternehmer und Händler aller Art in einem attraktiven Geschäftsklima willkommen.
In Einklang mit dem Zeitgeist setzt Zypern auf digitale Technologie und hochentwickelte Telekommunikation, um neue virtuelle Orte der Begegnung und neue Wege für Menschen und Ideen zu schaffen.

Die zyprische Ratspräsidentschaft – „filóxenos Tópos“

Diese tief verwurzelte und weitreichende Bedeutung von Filoxenia verlieh dem  Kongresszentrum in Nikosia seinen Namen, dem Herz der Tätigkeiten der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft 2012. Sie ist auch Sinnbild für die zentrale Botschaft der zyprischen Ratspräsidentschaft. Wir möchten ein einladender Ort (ein „filóxenos Tópos“) sein, während wir uns von der Vision unserer gemeinsamen Heimat – Europa - inspirieren lassen.

Ein „filóxenos Tópos“ war der Ort, an dem Pygmalion Galatea schuf, auf dieselbe Weise, wie Menschen, die sich der europäischen Vision verschrieben haben, unsere gemeinsame Zukunft erschaffen. „Filóxenos Tópos“ ist dort, wo, der antiken hellenistischen Tradition zufolge, der Ort durch die Werke und das Geschick der Hände und des Geistes des  Menschen gekennzeichnet und einfaches Zeugnis seiner Präsenz ist. Es ist der Ort, wo die Würdigen mehr als nur ihrer Pflichterfüllung nachgehen, wie es im Lukasevangelium beschrieben wird. Es ist der Ort, wo sich die Quintessenz des Glücks an den geheimen Orten findet, die die Unendlichkeit entschlüsseln, wie Odysseas Elytis beschreibt. Es ist der Ort, wo Trauben, das Qualitätssiegel der europäischen Produktion, reifen, so schön wie die Geliebte im Hohelied  Salomos. Es ist ein unsagbar stolzer und dankbarer Ort, ein Bauelement im Konstrukt der Europäischen Union, der Vision von Jean Monnet und anderen. Das wird deutlich, wenn man untersucht, auf welche Weise die moralischen und tatsächlichen Verpflichtungen der antiken Institution  Filoxenia mit der Vision der zyprischen Ratspräsidentschaft verflochten sind, um einen Beitrag für ein Besseres Europa zu leisten.

Filoxnia und die Prioritäten der Ratspräsidentschaft

Die heilige Pflicht, die vorschreibt, dass alle mit demselben Respekt behandelt werden müssen, ungeachtet ihrer gesellschaftlichen und politischen Position oder ihrer wirtschaftlichen Lage, lenkt unser Ziel, nach gemeinsamen, gerechten und wirksamen Lösungen zu suchen, die den Flüchtlingen in ganz Europa einen guten Schutz bieten, und das Gemeinsame Europäische Asylsystem am Ende unserer Ratspräsidentschaft zu vollenden. Denn „filóxenos Tópos“ ist der Ort, wo der Ausländer willkommener ist als nur ein unbekannter Fremder. Es ist der Ort, wo Arthur Rimbaud zeitweise Asyl fand, als er vor sich selbst Zuflucht suchte. Es ist der Ort, wo der selbst ernannte Exilant Solon der Athener Zuflucht fand und König Philókypros, der ihm Zuflucht gewährte, an der Nordküste der Insel eine Stadt errichten lies und sie nach dem Gesetzgeber – Soloi – benannte. Mit seinem Fernbleiben von Athen schützte Solon die Existenz und Erhaltung der Rechtsordnung, die er für die Athener vorbereitete und etablierte die Prinzipien der Neutralität der Gesetze und deren Schutz vor politischer Berechnung, wodurch er Antigone rechtfertigte und die Grundlagen für Sokrates schuf. Es handelt sich um das Europa als Ort des Rechts. Es handelt sich um unsere Institutionen und die Mitentscheidung, eine wesentliche Pflicht der turnusmäßigen Ratspräsidentschaft.

Das Ritual, die Gäste zu begrüßen, sich um sie zu kümmern, sie zu bewirten, ihnen Bad und Schlafstätte zu gewähren, keine Waffen gegen sie zu erheben und sie mit Geschenken zu verabschieden – den Geschenken der Xénia – inspiriert uns, für die Umsetzung unserer ehrgeizigen Ziele der  Strategie „Europa 2020“ zu arbeiten, nämlich: eine Heimat für Innovationen zu bieten, die soziale Integration zu fördern, Frieden mit der Umwelt zu schließen und den jungen Menschen ein Werkzeug in die Hand zu geben, mit dem sie die Welt gestalten und verändern können.
Denn „filóxenos Tópos“ ist ein Ort, wo Firmen, Dienstleistungen, Industrie, Schifffahrt, Handel und andere wirtschaftliche Aktivitäten im Dienste der Bemühungen um ein besseres Leben stehen. Es ist ein Ort, wo die Älteren das Gefühl haben, dass sie das Vertrauen, das ihnen von ihren Vätern vererbt wurde, intakt und ideell besser weitergegeben haben, und ein Ort, an dem sich die Jungen willkommen fühlen. Unsere Aufgabe ist es, den Wunsch nach Wachstum zu nähren. Das ist ein wichtiges Werk: die Verhandlungen und Arbeiten fortzuführen, damit wir  den Mehrjährigen Finanzrahmen für ein Haushaltsbudget schaffen, das den heutigen Herausforderungen gewachsen ist und Chancen für die Zukunft schafft. Ein „filóxenos Tópos“ ist ein Ort, wo  Kultur und Geschichte  den Boden bereiten für die Innovation und eine zukunftsorientierte und offene Gesellschaft,  wo sich die Ideen verflechten, um neue Horizonte zu eröffnen. Es ist ein Ort, wo die Technologie nutzerfreundlich ist und wo das Erreichte und die Zielsetzungen hoch und edel sind. Das ist der Ort, wo die Digitale Agenda für Europa gedeihen wird.
Die Gedanken von Güte, Umsicht und Großmut sind in unserer Filoxenia enthalten und wir unterstützen gemeinsame Aktionen, die  die Entstehung neuer Trennlinien zwischen der erweiterten EU und ihren Nachbarländern verhindern und  Wohlergehen, Stabilität und Sicherheit aller durch die Europäische Nachbarschaftspolitik stärkt, eine weitere Priorität unserer Ratspräsidentschaft. Denn „filóxenos Tópos “ ist ein Ort der Annäherung, wo gemeinsame Werte und Prinzipien mit gutem Beispiel, Respekt und Toleranz dem Anderen gegenüber den Weg weisen und unabdingbar für das Leben in der Gesellschaft sind. Es ist der Ort, an dem unser Landsmann, der Stoiker Zenon Kiteos, die Theorie der Gerechtigkeit schuf. Es ist der Ort, wo Shakespeare Othello, einen Mauretanier,  einen venezianischen Gouverneur und einen Zyprer an einen gemeinsamen Schauplatz versetzte. Es ist ein Ort in Europa, wo  Demokratie und  Menschenrechte der Heiligkeit des menschlichen Lebens und dem Primat der Menschlichkeit, des Pluralismus und der kulturellen Vielfalt dienen.

Auf dieselbe Weise, wie diese moralischen und materiellen Verpflichtungen für alle Mitglieder einer Familie verbindlich sind und  Gast und Gastgeber mit starken freundschaftlichen Banden verbinden, die sie an ihre Nachkommen weitergeben können, verpflichten auch wir uns, zwei weitere bedeutende Prioritäten zu setzen: Wir wollen die Verbindung der menschlichen Aktivitäten, die das Meer zum Epizentrum haben, berücksichtigen, und durch die Integrierte Meerespolitik für die Europäische Union eine enge Zusammenarbeit zwischen den zuständigen  Entscheidungsträgern in den verschiedenen Bereichen innerhalb und außerhalb Europa entwickeln, und die Schaffung einer neuen Partnerschaft zwischen Europa und ihren Landwirten durch die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik  unterstützen.

Denn  „filóxenos Tópos“ ist ein ruhiges und friedliches Meer, ein Ort, wo sich die Natur und das Ökosystem ungehindert entwickeln können, ohne Angst vor Umweltverschmutzung und Klimawandel. Es ist ein Ort, wo die menschlichen Aktivitäten in Einklang mit der Umwelt sind und die Landwirtschaft eine Freundin der Erde ist. Das ist unsere Filoxenia für ein grüneres Europa. „Filóxenos Tópos“ ist das Mittelmeer von Fernand Braudel, das „sowohl landschaftlich wie in seiner menschlichen Physiognomie eine aus Ungleichartigem zusammengesetzte Welt ist, die erst in unserer Vorstellung zu einem zusammenhängenden Bild sich fügt, wie in einem System, in dem das Unterschiedene zunächst vermengt und dann zu einer originalen Einheit neu verflochten wird“. Das ist die Ankündigung der Konsolidierung eines Einheitsmarktes, den wir unterstützen werden.

Vor allem jedoch ist „filóxenos Tópos“ unsere Vision von einer Europäischen Union, die ihren Bürgern näher rückt: ein Ort, wo sich der Wunsch jedes Einzelnen nach einer höheren Lebensqualität verwirklicht, die ihn - jeden von seinem Posten aus - zur Arbeit für ein Besseres Europa  inspiriert und dazu,  dem Rest der Welt eine Botschaft der Rücksichtnahme, Gastfreundschaft, Toleranz und Liebe zu schicken, so wie Baucis und Philemon.

Filoxenia im Justus-Lipsius-Gebäude

Im Justus-Lipsius-Gebäude in Brüssel befindet sich der Hauptsitz des Rates der Europäischen Union.  Während der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft ist der Präsidentschaftsraum mittels einer Konstruktion umgebaut, die unabhängig von der architektonischen Gestaltung des umliegenden Raums ist, gewissermaßen wie ein Wohnzimmer in einem Raum. Er ist rund und ähnelt den Rundbauten in Khirokitia, einer neolithischen Siedlung in der Nähe der Südküste Zyperns, die als eine der bedeutendsten und am besten erhaltenen prähistorischen Stätten im östlichen Mittelmeerraum bekannt ist und zum Weltkulturerbe gehört. Seine lichtdurchlässige Vorhangwand vermittelt ein Gefühl von einem Ort, an dem man sich auf ein entspanntes und doch geistig anregendes Gespräch einlassen kann. Der künstlerischen Ausgestaltung liegt ein Vorschlag des weltberühmten zyprischen Designers Michael Anastassiades zugrunde.